Gebisslos reiten: Vorurteile und Argumente

Dieser Artikel soll weder Zäumungen mit Gebiss verteufeln, noch gebisslose Zäumungen in den Himmel loben. In den letzten Jahren hat sich um die Einwirkung auf den Pferdekopf etwas wie ein Glaubenskrieg entwickelt, den ich hier nicht unterstützen möchte. Dennoch habe ich in vielen persönlichen und virtuellen Gesprächen bemerkt, wie viele Vorurteile es über die gebisslose Reiterei gibt, und wie fest diese in vielen Köpfen verankert sind. Deshalb möchte ich hier einige Vorurteile aufzählen, mit denen ich immer wieder konfrontiert bin, und mit dem einen oder anderen Argument eventuelle Wissenslücken schließen.

1. Ohne Gebiss ist ein Reiten in Anlehnung nicht möglich.

Das erste Vorurteil ist vermutlich auch das einzige, gegen welches man nur schwer argumentieren kann. "Anlehnung ist die stete, weich-federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul." sagt die FN. Wenn man sich an dieser Definition orientiert, ist eine Ahnlehnung ohne Gebiss tatsächlich nicht möglich. Allerdings ist die FN nicht das Maß aller Dinge. Um Das "Anlehnungsproblem" besser verstehen zu können, müssen wir in der Geschichte etwas weiter ausholen. Der deutsche Begriff "Anlehnung" entstand tatsächlich aus einer schleißigen Übersetzung der Werke des Reitmeisters de la Guérinière (1733). In einer Zeit, als Pferde einhändig auf blanker Kandare mit leicht durchhängendem Zügel geritten wurden, beschrieb de la Guérinière diese Art der Zügelführung als "Appui". Angenommene Zügel oder gar dauerhaften Zug gab es nicht. Dies wurde später mit "Anlehnung" übersetzt, und wenn man die in der modernen Dressur übliche Zügelführung betrachtet, gänzlich missinterpretiert. Wenn man Anlehnung hingegen als "feine Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdekopf" versteht, und den Aspekt des Gleichgewichts, der reellen Versammlung und des an die Hand Suchens mitberücksichtigt, spricht absolut nichts gegen das Erreichen dieses Zustandes mit einer gebisslosen Zäumung.

2. Pferde lassen sich gebisslos schlechter stellen und biegen.

Auch wenn die verschiedenen Reitweisen dieser Welt auf den ersten Blick sehr unterschiedlich aussehen, sind sie sich in ihren Grundlagen oft erstaunlich einig. Das Pferd soll sich um den Innensitz, und weg vom indirekten Außenzügel stellen und biegen. Da keine dieser Hilfen eine Manipulation am Pferdekopf beinhaltet, ist es auch unerheblich, ob am Ende des Zügels ein Gebiss oder ein Nasenriemen ist. Probleme in der Stellung oder Biegung sind daher gänzlich auf mangelhafte Ausbildung oder gesundheitliche Einschränkungen, nicht jedoch auf die Ausrüstung zurückzuführen.

3. Gebisslos gerittene Pferde stumpfen ab

Pferde stumpfen dann ab, wenn wir sie wiederholt oder dauernd mit Hilfen konfrontieren, ohne eine Reaktion abzuwarten, zu loben oder auf eine Reaktion zu bestehen. Wenn wir beispielsweise die treibende Schenkelhilfe nicht aussetzen, sobald die gewünschte Reaktion eintritt, und darüber hinaus weitertreiben (oder wie die FN sagt: jeden Tritt herausreiten), dann wird das Pferd lernen, dass die Schenkelhilfe belanglos ist, weil es sie sowieso nicht beeinflussen kann. Genauso verhält es sich mit allen anderen Hilfen. Und wenn stets Signale am Pferdekopf ankommen, denen das Pferd keine Bedeutung zuordnen kann, dann wird es auch diese ignorieren, egal ob mit oder ohne Gebiss. Auch die Hilfendurchlässigkeit ist eine Sache der Ausbildung, nicht der Ausrüstung.

4. Gebisslose Zäumungen ermöglichen nicht so eine feine Hilfengebung wie ein Gebiss

Pferde spüren jede Mücke, die auf ihrem Fell landet. Demnach gibt es absolut keinen Grund, warum es unsere feinen und sanften Zügelsignale am Nasenrücken nicht spüren sollte.

5. Versicherungen zahlen nicht, wenn das Pferd ohne Gebiss geritten wurde

In ganz Deutschland gibt es bisher keine einzige Pferdehaftpflichtversicherung, die das Reiten ohne Gebiss nicht abdeckt. Darüber hinaus gibt es bisher kein Gerichtsurteil, bei dem die Art der Zäumung von maßgeblicher Bedeutung war.

6. Ein durchgehendes Pferd kann ich ohne Gebiss nicht halten

Gleich vorab: Ein durchgehendes Pferd kann man auch mit Gebiss nicht halten. Das Einbremsen eines panischen Pferdes setzt vor allem zwei Dinge voraus: Hilfendurchlässigkeit und Vertrauen. Ein Pferd, das durch physischen und psychischen Druck ausgebildet wurde, wird immer etwas finden, vor dem es mehr Angst hat, als vor dem Menschen. Ein Pferd, das seinem Menschen vertraut, wird diesen hingegen in Angstsituationen fragen, was zu tun ist. Weiters neigen viele Durchgänger dazu, sich durch das Beißen aufs Gebiss jeglicher Einwirkung zu entziehen. Dies ist bei einem scharfen Sidepull beispielsweise nicht möglich. Das Anhalten eines panischen Pferdes durch ein scharfes Gebiss impliziert hingehen, dass dem ohnehin bereits in Todesangst schwebenden Pferd zusätzlich starker Schmerz hinzugefügt wird. Viele Pferde reagieren darauf mit noch stärkerer Panik, anstatt mit Ruhe. Die einzige tatsächlich verlässliche Möglichkeit, diese Situationen in den Griff zu bekommen, ist maximale Hilfendurchlässigkeit und gegenseitiges Vertrauen. Bei schwierigen Pferden kann zusätzlich ein Stoppsignal konditioniert oder der One Rein Stop erarbeitet werden. Ein Gebiss kann dies jedoch nicht ersetzen.

7. Pferde benötigen ein Gebiss, um abzukauen und Verspannungen zu lösen

Idealerweise lässt man Verspannungen erst gar nicht entstehen, und setzt sich nicht auf ein verspanntes Pferd, sondern löst es zunächst. Dennoch gibt es Kauübungen, und eine Menge anderer Möglichkeiten, ein Pferd auch ohne Gebiss zu lösen, sodass es im Kiefer, Genick, Rücken - eigentlich im ganzen Körper - hilfendurchlässig ist.

8. Reelle Jungpferdeausbildung kann nur mit Gebiss erfolgen

Die renommiertesten und traditionsreichsten Reitschulen, wie zum Beispiel die Spanische Hofreitschule in Wien, arbeiten Jungpferde ausschließlich am Kappzaum, um das junge Pferdemaul zu schonen. Es ist absolut möglich, ein Pferd gebisslos anzureiten, und bis zur Hohen Schule auszubilden.

Mit positiven Beispielen voran

Nun folgen ein paar zufällig zusammengereihte Videos von Pferden, die gebisslos auf einem Niveau geritten werden, von dem viele nur träumen können :-)

Alizée Froment und ihr Mistral sind mittlerweile weltbekannte Showstars. Sie reiten Grand Prix Lektionen mit unglaublicher Leichtigkeit am Halsring.

tbc