Stressfreie Freiarbeit

Wozu Freiarbeit?

Comet und ich hatten letzte Woche eine unangenehme Meinungsverschiedenheit, wodurch ich gemeinsam mit meinem Trainer beschlossen habe, nun vermehrt in der Freiarbeit an unseren Baustellen zu arbeiten. Die Beziehung zu unseren Pferden sollte stets auf Vertrauen und Respekt beruhen - und genau hier zeigt das Arbeiten ohne Hilfsmittel erbarmungslos bestehende Defizite.

Zunächst einmal möchte ich unsere Freiarbeit klar abgrenzen, da man leider so einiges sieht, das unter dem Begriff "Freiarbeit" betrieben wird. Was ich also nicht mache:

  • Das Pferd so lange im Kreis rennen lassen, bis es sich mir aus purer Verzweiflung anschließt
  • Dem Pferd keine Wahl lassen
  • Stresssituationen verursachen
  • Starken Druck machen, dem das Pferd aufgrund der räumlichen Begebenheiten nicht ausweichen kann
  • Meine Nähe als einzigen angenehmen Ort etablieren
  • Ständig Dominanz ausstrahlen

Das Ziel der Freiarbeit ist für mich vor allem die Verbesserung unserer Kommunikation. Ich arbeite also im Grunde genommen an den gleichen Grundlagen wie beim Reiten, bei der Bodenarbeit oder beim Longieren. Bloß der gymnastizierende Aspekt steht an dieser Stelle vielleicht etwas weniger im Vordergrund, als sonst. Dieses konsistente pädagogische Konzept ist extrem wichtig. Ich sage also nicht "heute mache ich Bodenarbeit" oder "heute reite ich", sondern "heute arbeite ich an präzisen Trab-Halt-Trab-Übergängen". Dabei ist es eigentlich unerheblich, ob ich beispielsweise reite, longiere oder Bodenarbeit mache.

So machen wir Freiarbeit

Eines muss man immer im Hinterkopf behalten: Das Pferd soll bei der Freiarbeit nicht ständig für etwas bestraft werden. Das ist eine ungünstige Denkweise, da sie dazu verleitet, Druck im übertriebenen Ausmaß einzusetzen. Vielmehr möchte ich mit meinem Pferd einfach folgende Dinge üben. Ja, üben! Also erklären, freundlich auffordern, bei Bedarf positiv und präzise korrigieren, loben:

  • Zwischen Spannung und Entspannung unterscheiden
  • Zu mir kommen, wenn ich es rufe oder einlade
  • Von mir weggehen, wenn ich es schicke (vorwärts, rückwärts und seitwärts)
  • Richtung und Tempo beibehalten und wechseln

Diese Punkte sollten immer in Balance sein. Das Pferd nur so wegschicken, wie man es auch zu sich holen kann. Das Pferd nur so bei sich halten, wie man es auch wegschicken kann. Immer, wenn ein Punkt schlechter klappt als der andere, versuche ich, die Balance wiederherzustellen. Die Kommunikation erfolgt dabei auf eine freundliche, aber konsequente Art über Körpersprache und Stimme.

Bei sogenannten Horsemanship-Menschen sehe ich immer wieder, dass das Wegschicken genutzt wird, um das Pferd zu strafen (z.B. weil es nicht kommen will), oder die eigene überlegene Position zu demonstrieren, während das Heranholen positiv belegt wird. Das halte ich nicht für richtig, denn aus meiner Sicht sollte beides gut klappen. Wenn meine Nähe viel angenehmer ist, als alles andere, bekomme ich mein Pferd schließlich nicht mehr mit feinen Hilfen von mir weg. Ich sehe beides eher als Lektionen, die ich ohne unnötige Emotionen abrufen möchte. Das Pferd soll weder in meiner Nähe, noch in der Bewegung um mich herum Stress empfinden, sondern stets motiviert und erwartungsvoll mitarbeiten.

Das richtige Maß an Druck

Das ist bei Comet keine einfache Sache. Bei zu wenig Druck nimmt er die Arbeit nicht ernst, seine Motivation schwindet, oder er möchte beim Zaun ständig grasen. Bei zu viel Druck gerät er unter Stress, beginnt vermehrt zu rennen, oder möchte der Situation entkommen. Früher hat er sich dann an der Longe losgerissen, hat mich runtergebuckelt oder ist durch den Zaun gegangen. Das passiert uns zum Glück nicht mehr. Dennoch ist der Rahmen für das richtige Maß an Druck bei ihm sehr klein. Ich durfte ihn mit der Zeit immer besser kennen lernen, und mich über Monate und Jahre hinweg herantasten. Daran erkenne ich, dass ich versehentlich zu viel Druck eingesetzt habe:

  • Er zeigt einen angespannten Gesichtsausdruck
  • Er gerät ins Rennen, und trabt oder galoppiert unaufgefordert an
  • Er springt in den Außengalopp
  • Er möchte den Trainingsplatz verlassen

Ablauf und Übungen

Ich beginne immer damit, Comet zu mir zu holen. Das ist mir wichtig, weil es mein bevorzugtes Ritual beim Betreten des Reitplatzes ist. Ich möchte nicht, dass wir gemeinsam den Platz betreten, und Comet gleich erwartet, dass ich ihn wegschicke. Das würde er sonst nämlich lernen und von selbst anbieten, indem er am liebsten gleich vor mir weglaufen möchte. Ich beginne mit einfachen Übungen und versuche, die Vorhand und die Hinterhand zu bewegen, rufe einfache Tricks ab oder kraule ihn einfach ein bisschen. Wenn ich ihn wegschicken möchte, dann stehe ich vor ihm, richte ihn von dort rückwärts, und bewege dann die Vorhand. An guten Tagen klappt das über Einatmen und einen Fingerzeig. Dadurch gebe ich eine Richtung vor. Wenn er den gewünschten Abstand eingenommen hat, kann ich beginnen, das Tempo zu erhöhen, an Übergängen zu arbeiten, oder wonach uns eben ist. Immer wieder überprüfe ich, ob ich ihn wieder zu mir in die Mitte holen kann. Wenn er dabei unsicher ist, fehlt es an Vertrauen.

Bei der Freiarbeit arbeite ich gerne an präzisen Übergängen. Dazu versuche ich zum Beispiel, die Anzahl der Schritte oder markante Punkte im Kopf vorzugeben. Zum Beispiel Halt, 5 Schritte, Halt. Trab, exakt beim Baum angaloppieren, bei A Schritt. Dazwischen immer wieder Richtungswechsel, und das Heranholen. Wichtig ist mir auch, Comet aus jeder Gangart sofort anhalten zu können. Das übe ich mit ihm von Anfang an, und mittlerweile klappt es auch beim gemeinsamen Toben, wenn er Fullspeed und buckelnd über den Reitplatz brettert.