Wie erkenne ich das Equine Metabolische Syndrom (EMS) beim Pferd?

Gleich zu Beginn möchte ich mit einem gängigen Vorurteil aufräumen: Nicht jedes Pferd, das dick ist, hat EMS, und nicht jedes Pferd, das EMS hat, ist dick!

Das Equine Metabolische Syndrom ist eine Erkrankung des Zuckerstoffwechsels. Die häufigsten Ursachen sind eine genetische Veranlagung zur Insulinresistenz und eine Überfütterung bei mangelnder Bewegung. Bei einem gesunden Pferd wird der Zucker durch Insulin aus dem Blut in die Zellen aufgenommen. Bei einem Überangebot an Nahrung wird das Pferd “dick”: Körperfett lagert sich rundum und in etwa gleichmäßig an. Hierbei handelt es sich um Speicherfett, welches bei Nahrungsknappheit angegriffen werden würde. 

Beim stoffwechselerkrankten Pferd bilden sich abnorme, auf bestimmte Regionen begrenzte Fettdepots, meistens am Mähnenkamm, im Schulterbereich, oberhalb der Augen und beim Schweifansatz. Diese Fettdepots können sowohl bei dicken, als auch bei dünnen Pferden auftreten! Im Gegensatz zum Speicherfett bilden diese Fettdepots Hormone, die die Wirkung des Insulins hemmen. Das Pferd hat ständig hohe Blutzucker- und Insulinspiegel. Das nennt man Insulinresistenz. Da die Muskelzellen den Blutzucker nun nicht mehr aufnehmen können, ist das Pferd leistungsschwach, obwohl es eigentlich überversorgt ist. 

Weiters sorgt das hormonaktive Fettgewebe für eine erhöhte Bildung von Cortisol in der Nebennierenrinde, welches die Blutgefäße angreift und nachhaltigt schädigt. Der genaue Zusammenhang ist noch Gegenstand der Forschung. So wie Diabetes beim Menschen zuerst die Extremitäten schädigt, greift das Cortisol verstärkt die Lamellenschicht der Hufe an. Eine geschwächte Lamellenschicht kann das Hufbein nicht mehr ausreichend stabilisieren und das Hufbein rotiert oder sinkt ab. Das nennt man (je nach Phase) akute oder chronische Hufrehe. EMS zählt gemeinsam mit ECS (Equines Cushing Syndrom) zu den häufigsten Ursachen für Hufrehe.

Wie kann EMS nachgewiesen werden?

EMS ist keine Erkrankung im klassischen Sinne, sondern eine genetische Veranlagung, und kann deshalb nicht in einem Blutbild nachgewiesen werden. Die Diagnose EMS ist daher ausschließlich eine Blickdiagnose! Man kann jedoch eines der Hauptsymptome, die Insulinresistenz, in einem speziellen Blutbild (EMS-Screening) nachweisen. Dazu muss man wissen, dass sich eine Insulinresistenz nicht von einem Tag auf den anderen bildet, sondern ein schleichender Prozess ist. Zuerst beschränkt sich die Insulinresistenz nur auf einige lokale Zellen. Diese regionale Insulinschwäche ist noch nicht im Blutbild nachweisbar. Erst bei weiterem Fortschreiten der Erkrankung entwickelt sich eine generalisierte Insulinresistenz, die im Blut nachweisbar ist. EMS liegt aber schon vor, bevor sich eine Insulinresistenz vollständig entwickeln kann, deshalb sollten Pferde mit typischen Fettdepots oder anderen typischen Symptomen bereits wie EMS-Patienten behandelt und gehalten werden.

Wie werden an EMS erkrankte Pferde therapiert?

Da ein großer Teil der EMS-Patienten übergewichtig ist, steht das Abnehmen an erster Stelle. Dafür sollte auf reine Heufütterung umgestiegen werden. Obst, Kraftfutter, Müsli, Mash, Leckerli usw. haben nichts in einem EMS-Pferd verloren! Ein Pferd benötigt ungefähr 1,5 kg Heu pro 100 kg Idealgewicht. Diese Menge sollte in der Abnehmphase nicht überschritten werden. Für eine Stunde Weidegang wird 1 kg Heu von der Tagesdosis abgezogen. Hier muss auch beachtet werden, dass Gras aufgrund des hohen Fruktangehalts nicht für ein stoffwechselkrankes Pferd geeignet ist. Der Weidegang sollte also stark eingeschränkt und in der Akutphase am besten ganz gestrichen werden. Spätestens beim Auftreten von Hufrehe ist das Füttern von Gras sowieso nicht mehr möglich!

Zusätzlich zur angepassen Fütterung ist viel Bewegung durch ein erhöhtes Trainingspensum sehr wichtig. Dadurch wird der Stoffwechsel angeregt und zusätzliches Fett abgebaut. So wie man aber beim Menschen Diabetes nicht durch Sport heilen kann, kommt man auch beim Pferd trotz viel Bewegung nicht um eine angepasste Ernährung herum.

Wie erkenne ich typische Fettdepots?

Oft wird EMS lange nicht erkannt, da das hormonaktive Fettgewebe mit Muskeln verwechselt wird. Oft bringt ein Griff zum Mähnenkamm Klarheit: Man greift den Kamm zunächst unmittelbar hinter den Ohren an, danach in etwa in der Mitte des Halses. Der Mähnenkamm sollte an beiden Stellen ungefähr gleich breit sein. Ist er in der Mitte des Halses geschwollen, handelt es sich um Fett - dort gibt es keine Muskeln. Weiters kann man kontrollieren, ob die Kuhlen oberhalb der Augen tatsächlich Kuhlen sind. Beim EMS-Patienten sind diese oftmals gefüllt oder werden sogar zu Beulen. Auch am Schweifansatz sollte sich keine Beule bilden. An großflächigeren Körperstellen wie Schultern oder Rücken ist das Erkennen von Fettdepots etwas schwieriger - hier kann man sich vor allem an der Konsistenz orientieren. Muskeln sind wesentlich fester als Fett, Fettdepots fühlen sich eher schwabbelig an. Grundsätzlich ist es sehr hilfreich, sich grundlegendes Wissen in der Anatomie des Pferdes anzueignen. Wenn man weiß, wo sich Muskeln befinden und wie diese trainiert werden, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass man Fettdepots mit Muskelgewebe verwechselt.

Können auch Jungpferde an EMS erkranken?

Pferde sind mit ca. 5-6 Jahren ausgewachsen, mit ca. 8 Jahren pendelt sich der Stoffwechsel ein. Dies ist der häufigste Zeitpunkt für EMS-Erkrankungen. Dennoch können auch jüngere Pferde an EMS erkranken. Die Symptome sind nur weniger deutlich sichtbar, weil sie im Wachstum besser kompensiert werden. Natürlich ist es hilfreich, wenn die Erkrankung trotzdem schon früh erkannt wird, da die Haltung und Fütterung rechtzeitig angepasst werden kann, bevor das EMS in voller Form ausbricht.

EMS-Symtome bei Comet: Die abnormen Fettdepots sind deutlich sichtbar.

EMS-Symtome bei Comet: Die abnormen Fettdepots sind deutlich sichtbar.

Zur Blickschulung habe ich die Fettdepots hier hervorgehoben.

Zur Blickschulung habe ich die Fettdepots hier hervorgehoben.