Warum mein Pferd keinen Eisenbeschlag bekommt

Wenn sich ein Pferd das Hufhorn schneller abnutzt, als es nachwachsen kann, braucht es Hufschutz, das weiß man schon mindestens seit der Antike. Damals wurde eine Art Hufschuhe benutzt, allerdings nicht besonders erfolgreich. Der Hufschutz ging verloren und die Befestigungsriemen verursachten Scheuerstellen. Die Kelten begannen dann, den Hufschutz anzunageln, und im Mittelalter wurde diese Art des Abriebschutzes populär. Damals war es eine praktikable Lösung, da es noch lange keinen Kunststoff gab, um einen flexiblen, aber trotzdem hochwertigen und funktionierenden Hufschutz herzustellen. Dass ein starrer Eisenbeschlag dem Huf schadet, weiß man schon sehr lange. Im "Lehr- und Handbuch der Hufbeschlagskunst" aus  1861 (!) wird beispielsweise erklärt, dass der Beschlag nur dazu dient, den größtmöglichen Nutzen aus dem Pferd zu ziehen, dem Huf so aber geschadet wird der Huf so nicht gesund erhalten werden kann.

Das hat mehrere Gründe:

  • Ein Huf ist nicht dafür gedacht, ausschließlich am Rand zu tragen. Auch die anderen Strukturen wie Strahl und Sohle tragen mit. Ist das nicht möglich, dann verkümmern diese nicht benutzten Stukturen langfristig.
  • Im Huf befinden sich ausschließlich Scharniergelenke, die Beuge- und Streckbewegungen ermöglichen. Tritt das Pferd schief auf, kann das vom Huf selbst ausgeglichen werden, da er in den Trachten bis zu 1,5 cm verformbar ist. Ein starrer Beschlag zerstört diesen wichtigen Hufmechanismus komplett, und die seitlichen Unebenheiten müssen direkt von den Gelenken entgegen ihrer eigentlichen Beweglichkeit ausgeglichen werden. Das kann rasch zu frühzeitigen Abnützungserscheinungen, Arthrosen usw. führen.
  • Der Huf hat mit all seinen Strukturen stoßdämpfende Aufgaben. Bei jedem Auffußen weitet sich der Huf minimal, und seine Strukturen (Strahl, Trachten, Sohle) federn den Stoß ab. Ein starrer Beschlag zerstört diese Dämpfeigenschaft komplett, und die Stöße werden direkt an die Gelenke weitergeleitet. Für ein beschlagenes Pferd ist es 3x so belastend, auf Asphalt Schritt zu gehen, wie für ein unbeschlagenes Pferd, auf Asphalt zu traben.
  • Das Herz eines Pferdes ist im Vergleich zu seiner Körpergröße eher klein. Der Huf weitet sich bei jedem Auffußen ein wenig, und zieht sich beim Abfußen wieder zusammen. Obwohl diese Bewegung nur minimal ist, verstärkt sie wie eine Pumpe die Durchblutung in den Gefäßen der Hufe. Bei jedem Schritt wird so die Menge von 1/4 Schnapsglas durch den Huf gepumpt. Deshalb ist nicht nur der Hufmechanismus extrem wichtig, der durch einen Eisenbeschlag vollständig verhindert wird, sondern auch eine artgerechte Haltungsform, in der sich das Pferd ausreichend bewegen kann. Nur so werden langfristig die Beine mit ausreichend Blut versorgt.
  • Der Huf reagiert auf veränderte Bodenverhältnisse und passt das Hornmaterial an. Ist der Abrieb zu stark, bildet sich härteres Horn. Ist der Abrieb zu gering, bildet sich weicheres Horn. Da ein starrer Eisenbeschlag den Hufmechanismus vollständig außer Kraft setzt, erhät der Huf zu wenige Reize, um hartes Horn nachzubilden. Die Hornqualität leidet nachhaltig, und es wird langfristig immer schwieriger, jemals wieder auf Barhuf umzustellen.

Der Eisenbeschlag ist schon lange keine zeitgemäße Form des Abriebschutzes mehr. Heutzutage können wir auf moderne Alternativen wie Klebebeschlag oder Hufschuhe zurückgreifen. Dadurch wird der Huf zwar vor Abrieb geschützt, der Hufmechanismus und alle Funktionen des Hufs bleiben aber erhalten.

Außerdem sollte bei schlechter Hornqualität immer an der Ursache gearbeitet werden, nicht nur an den Symptomen. Schlechte Hufe lassen sich fast immer auf ein Stoffwechselproblem zurückführen. Sehr oft führen Verbesserungen in der Haltung und Fütterung automatisch zu einer besseren Hornqualität.